Ein Leben in Echtzeit

Im Morgengrauen fragte sie ihn, wie lange er seinen Job noch machen wolle. Er kratzte sich am Kopf, um seine Antwort hinauszuzögern. Sie lagen gemeinsam in seinem Bett, es war stickig und warm. Das Fenster war zu, denn Helen mochte nicht, wenn es nachts offen stand. Selbst durch den schmalsten Spalt würden finstere Alpträume ins Schlafzimmer schweben, behauptete sie, und er hatte das akzeptiert. Der Nachtportier räusperte sich und sagte schließlich: «Ich mach das, solange es mir noch Spaß macht.»

Er kannte Helen erst seit zweieinhalb Wochen und wusste nur wenig über sie. Sie wollte Mörder vor Gericht verteidigen, deshalb studierte sie emsig und lernte fleißig. Selbst samstags saß sie an seinem Küchentisch und las in ihren Büchern, während er auf dem Sofa lümmelte und döste. Bereits mehrmals hatte sie ihn nach seiner Vision gefragt. Nach seinen Zielen im Leben. Jedes Mal hatte er abgewunken und jegliche Bedenken zur Seite gewischt.

«Ich bin jemand, der nicht weit in die Zukunft blickt und auch nicht in der Vergangenheit kramt. Ich bin jemand, der im Moment lebt und Entscheidungen spontan trifft, auch die wichtigen», hatte er sich als Erklärung abgerungen, als Helen nicht lockergelassen hatte.

Die Wände waren so dünn, dass er die Streitgespräche der Nachbarn protokollieren konnte

Seine Lebensphilosophie hatte Nachteile – aber eben auch Vorteile. Das wusste er und genoss die Leichtigkeit des Seins. Nachts arbeitete er im Hotel Palermo, das er spaßeshalber Grand Hotel Palermo nannte, das diesen Namen aber wirklich nicht verdient hatte. Tagsüber lebte er anspruchslos in einer winzigen Wohnung unterm Dach. Die Wände waren so dünn, dass er die ständigen Streitgespräche der Nachbarn protokollieren konnte. Immerhin war die Miete günstig und die Vermieterin sah es ihm nach, wenn er mal vergaß, das Geld pünktlich zu überweisen.

Natürlich war sein Job sterbenslangweilig, aber er mochte die Routine und die Freiheit. Er konnte im Prinzip tun, was er wollte, also schrieb er Gedichte. Manchmal brauchte er für eine Zeile mehrere Stunden, manchmal grübelte er eine ganze Nacht lang – und strich am Morgen alles durch.

«Wie kannst du dich damit zufriedengeben?», fragte Helen wiederholt in Variationen. Er seufzte dann und machte einen Witz.

Um 7 Uhr standen sie auf. Sie saßen am Küchentisch und tranken schweigend Tee und aßen Cornflakes.

«Ich muss los», sagte sie und stellte die Schale in die Spüle. «Du bist ein Träumer», sagte sie. Küsste ihn zum Abschied. Wuschelte durch seine Haare.

Der Nachtportier kroch zurück ins Bett. Er träumte doch schon lange nicht mehr!

Tolles Vorbild

Die Fußgängerampel ist zwar knallrot, aber die Straße komplett leer, bis an den Horizont. Also rüber da, warum auch nicht? Ein bisschen Anarchie im Alltag wagen! Ein Grund fürs Warten wäre allerdings das anwesende Kind: 8 Jahre alt, weiblich, klein. Es, das Kind, befindet sich hinter uns, quasi im toten Winkel. Da steht es, das Kind, und wartet brav. So hat es das gelernt: Bei Rot ist zu warten, zur Not für immer und ewig. Und jetzt das.

«Schönes Vorbild», kreischt die ebenfalls anwesende Mutter, die das Kind zügig an die Hand nimmt, um es an einer impulsiven Straßenüberquerung zu hindern.

«Ich muss kein Vorbild sein», erkläre ich unnötig aufgebracht. «Schönes Hobby auch, fremde Menschen zu maßregeln.»

Ihr Mann, der nicht zwangsläufig der Vater des Kindes sein muss, mischt sich in den Konflikt nicht ein, sondern schaut einigermaßen verstohlen auf den Belag der Fahrbahn. Ich gerate derweil mehr und mehr in Rage, da ich mich in meiner individuellen Freiheit eingeschränkt sehe (usw., usf.). Ich rufe doch auch nicht jedem Radfahrer hinterher, dass der Fußweg dem Fußvolk gehört. Ich denke es nur, jedes Mal.

Gegenbeispiel: Athen

Wahrscheinlich kommt es in keinem anderen Land der Welt zu einer solchen Situation. Beispiel Griechenland, Athen: Hier schauten die Menschen regelrecht irritiert, als ich – wie ein Hurensohn – an der Fußgängerampel stehen blieb. Ist doch rot, dachte ich, und alle, wirklich alle Passanten liefen an mir vorbei, rannten über die befahrene Straße, keinen einzigen Fick gebend. Würde Sandra auch dort jedem Menschen hinterherrufen? «Tolles Vorbild, Athen!»

Meine Forderung: Stadtkinder sollten es draufhaben, im richtigen Moment über die Straße zu huschen – auch wenn das rote Männchen dies nicht gestattet. Autoritäten muss man misstrauen! Tu, was du willst! Und wenn eine Sandra sich lautstark darüber beschwert, kann das Kind ruhig rufen: «Ach, fick dich.»

Kritiker dieser Einstellung würden anmerken, dass so etwas nur jemand schreiben kann, der selbst keine Kinder im lauffähigen Alter hat. Stimmt wahrscheinlich. Also gut.

Rita kauft Spargel

Heute reicht die Schlange bis zu den Tiefkühltruhen. Die Götter haben scheinbar ein Erbarmen, wollen uns nicht zu sehr quälen – eine zweite Kasse öffnet. Die ältere Dame vor mir schiebt ihren Einkaufswagen fix rüber. Sie schaut jedoch nicht, was vor und hinter ihr passiert, sieht deshalb nicht, wie sich die Frau vor ihr ebenfalls in Richtung zweite Kasse bewegt. Diese Frau – sie heißt Sabine von Klingenberg-Gummelsbach – genösse sicherlich ein Vorrecht, vielleicht aber auch nicht. In deutschen Supermärkten gilt das Recht des Schnelleren. Ähnlich verhält es sich bei Linienbussen.

Die ältere Frau – sie heißt Rita Müller – legt ihre Waren auf das Warentransportband, während es sich der Kassierer in seinem Warenzellenkassenstand gemütlich macht und die Kasse hochfährt, einen tausendstelligen Sicherheitscode eingibt und die Maschine zum Laufen bringt.

Sabine von K-G findet es derweil einigermaßen ungerecht, dass Rita Müller, die soeben noch hinter ihr stand, plötzlich vor ihr ist.

«Ich habe doch nur Quark und ich war ja eben vor Ihnen», erklärt Sabine etwas zu laut und etwas zu genervt. Geschwind baut sie sich vor dem Kassierer auf, der gesetzlich zu einer neutralen Haltung verpflichtet ist.

Das ist völlig egal, denn Rita merkt überhaupt nicht, wie sich Sabine quasi vordrängelt, wenn es denn überhaupt ein Vordrängeln ist, genau genommen ist es das ja nicht, aber es ist kein Gutachter hier, der das zügig klären könnte. Rita legt konzentriert und mit aller Kraft sehr viel Spargel auf das Warentransportband. Deutscher Spargel fürs Mittagessen, fürs Abendessen, fürs Frühstück. Helmut mag Spargel so gern, es handelt sich um seine Leibspeise. Er und Rita essen seit zwei Wochen jeden Tag nur Spargel, denn H. will es so und seine Frau will ihren Männe glücklich und satt machen, weil das seit einhundert Jahren ihre Hauptaufgabe ist. Eigentlich hängt ihr der Spargel längst zum Hals raus – das wird sie später dem Kassierer unaufgefordert erläutern. Immerhin sei der gesund, wird sie sagen. Der Kassierer wird das mit einem «Aha» knapp zur Kenntnis nehmen.

Sabine, die keinen Spargel mag, legt die beiden Quarkpackungen von «Ja!» vor den Spargel. Der Kassierer waltet seines Amtes und kassiert, zieht die Packungen über den Laserscanner.

Piep, «Payback?», nein!

«Mein Mann hatte vor zwei Jahren einen mittelschweren Verkehrsunfall», berichtet Rita nun. Er habe Gas- und Bremspedal verwechselt, es war sogar ein Artikel in der Lokalzeitung erschienen, behauptet Rita und entfaltet ein Papier, das sie nebenbei aus ihrem Portemonnaie zupfte. Es handelt sich tatsächlich um eine Farbkopie des besagten Zeitungsartikels. «Sehen Sie: sogar mit Foto!» Seit seinem Unfall könne Helmut keine Einkäufe mehr erledigen, erläutert R.

Der Kassierer bleibt bei seinem vagen «Aha» und kassiert wie in Trance. Rita hat keine Payback-Karte und auch keine andere Plastikkarte in ihrem Portemonnaie. Mit lauter Stimme beginnt sie, den Zeitungsartikel vorzulesen.

Gott zwischen den Seiten

In der großen Buchhandlung in der Innenstadt erstand ich: ein Buch. Zu Hause entfernte ich die Plastikfolie, was mir immer großen Spaß bereitet, aber nur, wenn die Folie dünn ist und sich leicht entfernen lässt. Ich schlug das brandneue Buch auf – und entdeckte sofort einen bräunlichen Fleck auf Seite 11. Meine Finger sind offenbar elf Seiten lang, überlegte ich wirr, und betrachtete den wunderlichen Fleck. Er war hart und krustig.

Was war das? Vogelkot? Blut? Ein plattgewalztes Tier? Ausgelaufene Farbe? War das vielleicht sogar Gott?

Zunächst wollte ich mir einreden, dass mich der Fleck nicht stört, dann aber überwog mein innerer Pedant, der schrie: «Ein Fleck in einem 30 Euro teuren Fachbuch ist inakzeptabel. Das bringen Sie so schnell es geht zurück!» Ich willigte ein, na gut, dann tausche ich das Buch eben um. Der Fleck hätte mir sicherlich schlaflose Nächte bereitet.

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Erlösung im Elektronikgeschäft

Der Einkauf im Elektronikgeschäft ist mir immer etwas peinlich. Besonders dann, wenn ich dort ein Videospiel erwerben will. Ich finde nämlich, dass ich als Ü-30er keine Videospiele mehr kaufen und spielen sollte. Stattdessen sollte ich endlich einen Baum pflanzen, ein Haus aus Lehm bauen und ein Kind streng erziehen. Auf dem Sofa zu liegen und Menschen zu erschießen, erscheint mir keine adäquate Tätigkeit für einen Erwachsenen zu sein. Denn mindestens müsste ich den Müll rausbringen, die Blumen gießen, den Nachbarn verprügeln, die Steuern machen, einen Brief an die Vermieterin schreiben1 – und einiges mehr, es gibt viel zu tun.

  1. Sehr geehrte Vermieterin, wieso ist es so, dass der Hinterhof eine solche Beleidigung fürs Auge darstellt? Und darf ich höflich nachfragen, wieso die Wohnungstüren in diesem Mehrparteienhaus aus Pappe und Gips sind? Zudem sei mir die Frage gestattet, wann der versprochene Balkon […]

Nun ist es aber so, dass ich leicht erregt das hiesige Elektronikgeschäft betrete. Saturn in der City. Am Eingang stehen ein dünner Kerl im Anzug. Er ist offenbar eine Art Türsteher; ein schlechter Türsteher, denn er lässt jeden rein, wirklich jeden.

Es ist 13 Uhr, ich habe heute frei. Ich sehe Schüler, Studenten, alte Menschen, junge Menschen – hier ist der bundesdeutsche Durchschnitt versammelt. Würde man zufällig den Musikgeschmack der Anwesenden abfragen, würden sie furchtbare Antworten geben. Fischer. Foster. Radio.

Oben in der zweiten Etage. Nur Loser bei den PC- und Videospielen, Jungs, die 13 Jahre alt sind und hässliche Haare haben; Jungs, die alle lächerlichen Klischees erfüllen, die andere über «Gamer» hegen und pflegen. Wahrscheinlich sah ich auch so aus, als ich damals bei Karstadt zwischen den N64-Spielen herumlungerte und immer mal wieder zu den Playstation-Spielen rüberschielte. Richtig geil: Resident Evil!

Jetzt aber fühle mich erhaben, bin also von Würde und Feierlichkeit bestimmt, denn ich bin frisch geduscht und ordentlich gekleidet. Meine Herren, gestern ging ich sogar ordentlich arbeiten und ich habe mein Leben einigermaßen im Griff. Nur der Biomüll müsste nun mal echt raus. Mein weich erarbeitetes Geld will ich jetzt für Blödsinn ausgeben und ich verfüge zusätzlich über einen 5-Euro-Gutschein, den mir das Unternehmen zum Geburtstag schickte. Ich spare also auch noch etwas Geld, das ich später in Biogurken in Plastikfolie und Chiasamen im Pappkarton investieren kann.

Meine Herren, lasst mich jetzt mal durch! Anders als ihr muss ich nicht erst dreimal hin und her überlegen, ob ich mir «Red Dead Redemption II» sofort kaufe oder doch nicht. Ich habe die scheiß Kohle einfach und kaufe, was ich will. (Und wieder sehe ich mich als 11-jährigen Spacko bei den sündhaft teuren N64-Spielen herumstehen, während Mama nach neuen Geschirrtüchern schaute. Irgendwann kann ich mir die Spiele einfach kaufen, dachte das kleine Ich damals. Der Kaufhausdetektiv seufzte und schüttelte den Kopf. Jetzt klau das Spiel halt endlich, du kleiner Lump, dann kann ich dich festnageln und muss dir nicht mehr hinterher schleichen wie der letzte Päderast. Doch den Gefallen tat ich ihm nicht, lieber ging ich meiner Mutter so lange auf die Nerven, bis sie Shadows of The Empire rechtmäßig erwarb, für 149 D-Mark. Oder ich bekam es zum Geburtstag, kann auch sein.)

In der Gegenwart schleichen Jungs herum, einer begrapscht lustvoll stöhnend die Gaming-Tastaturen, die im Dunkeln leuchten; ein anderer Creep fingert zwischen den PS4-Spielen herum. Zwei Jungs, die beste Freunde sind und gleich doppelt lächerlich aussehen, wenn sie so nebeneinander stehen, starren gebannt auf einen Stehtisch, an dem ein blasser Mitarbeiter des Marktes ein paar Kunden schlecht berät. Auf diesem Stehtisch liegen auch einige Exemplare des Videospiels, dessentwegen ich an diesem höllischen Ort weile.

Hier das Problem: Im regulären PS4-Bereich ist das Spiel nicht mehr zu finden – da liegen nur noch drei Exemplare der überteuerten Premium-Version – 100 Euro für ein fucking Videospiel. Ein junger Mann mit Damenbart ist so verzweifelt, dass er «dann halt» die teure Version mitnimmt. Das sehe ich jedoch nicht ein, ich will so wenig Geld wie möglich für das Spiel ausgeben, es aber sofort haben.

Dann habe ich etwas Glück: Der schreckensbleiche Mitarbeiter verlässt seinen Stehtisch und verschwindet mit den Kunden zwischen den Regalreihen.

«Bitte die Tastaturen nicht ablecken!», höre ich ihn noch sagen. Dann rupft er das Namensschild von der Brust und zeigt seinen Nippel usw. usw. usw. Ich gehe schnell zum Stehtisch, nehme mir ein Spiel vom Stapel und verschwinde. Die Jungens staunen. «Der hat sich das einfach genommen», raunt einer. Und es ist verdammt traurig, dass ihn das beeindruckt hat.