Basteln, schlagen und quälen

Weil der Friseur nicht gut Deutsch und ich kein Türkisch konnte, schwiegen wir, während der Friseur schnippelte. Und weil er sich dann weigerte, die Friseur so zu schneiden, wie ich das wollte, war das mein erster und letzter Besuch bei dem Friseur, der nicht gut Deutsch konnte.

Die dicke Friseurin nicht weit von mir mutterspricht Deutsch und berichtet von ihren Nachbarn, die seit einiger Zeit in ihrer Wohnung bohren und hämmern und schleifen. Ein ziemlicher Krach sei das, der nach einem Großprojekt klingt. Die Friseurin spekuliert, dass sich die Nachbarn einen Sex-Dungeon bauen. Mit Peitschen, Klemmen, Schaukeln, Haken und Ösen. Ich kenne die Leute nicht, kann also nicht einschätzen, ob diese Einschätzung angemessen ist oder nicht.

Einen Sex-Dungeon muss man wohl selber bauen, wenn man das Hobby weiterhin für sich behalten möchte. Vielen Leuten macht beim BDSM das Tüfteln und Basteln so viel Spaß wie das eigentliche Schlagen und Quälen – das zumindest kann ich mir vorstellen. Gleichzeitig muss ich aber zugeben, dass meine handwerklichen Tätigkeiten nicht der Rede wert sind, mir also eine Einschätzung nicht so einfach über die Lippen kommen sollte. Und in meinen Keller passt kein Sex-Dungeon, ja nicht einmal ein Fahrrad.

Beim Gehen kriege ich ein kleines Heftchen mit meinem ersten Stempel. Beim zehnten gibt’s zwei Euro Rabatt.

Augenblitz

Im Hinterhaus wohnt ein Fotograf, der mäßige Bilder macht. Und wenn der fotografiert, blitzt es rüber zu mir, in die Küche, in den Flur, in mein Gesicht.
Als mir noch nicht klar war, dass da einer fotografiert, bekam ich erst mal einen Schrecken. Weiße Blitze in der Peripherie meines Gesichtsfeldes – das kann nichts Gutes bedeuten! Ich dachte ans Schlimmste, mindestens ist es jetzt vorbei, weiße Blitze sind niemals gut. Ich kann eigentlich schon mal 112 wählen und Bescheid sagen, dass sich ein Notarzt bereit halten soll.

Dem Tode geweiht irrte ich durch meine vier Wände. Vermissen würde ich erst mal nichts, aber ärgerlich ist das frühe Ableben schon. Ehe mir das aber die Laune schlecht werden ließ, begriff ich rechtzeitig und schließlich, dass die Blitze nicht in meinem Kopf passierten, sondern durchs Fenster kamen, von drüben, aus der anderen Wohnung. Der Blick dorthin war durch dürre Vorhänge blockiert. Nur Photonen schossen hindurch, nur Schatten tanzten auf dem dünnen Stoff.

Gewöhnlich stören die Nachbarn durch Lärm – Schnarchen, Sex-Stöhnen, Singen – und eher selten/nie durch Lichtblitze. Wenn denn wenigstens die Fotos gut wären, die der Fotograf da drüben fotografiert. Sind sie aber nicht, fand ich heraus, als den Namen des Fotografen Google zum Fraß vorwarf. Und auch die Frau, die später über den Hof läuft, war nicht unbedingt schön – subjektiv betrachtet. Objektiv war sie schön genug, um sich vom Fotografen im Hinterhaus hinter den dürren Vorhängen fotografieren zu lassen. Und ich bin nur neidisch, weil sie nicht zu mir kam und hinter meinen Vorhängen posierte. Bestimmt.

Mit den Scherenhänden

Zehn Euro für eine Schere ist ganz schon viel, finde ich, der sich aus Versehen mal eine Schere für Linksschneider gekauft hat. Mein Friseur sagt, seine Schere habe fast tausend Euro (sic) gekostet, genauer: neunhundertsiebzig Euro. Die zweitbeste Schere, die es zu kaufen gibt, die kommt aus Japan.

Das Samuraischwert der Barbiere.

Ich stelle mir vor, wie mein Friseur nach Japan reiste, mit Rucksack und so Sandalen. Den Berg rauf, durchs Gebüsch, um dann mit blutigen Füßen anzukommen. Ein Mann mit langem Bart erwartet den Friseur. «Nimm Platz, vielleicht Sake?»

«Danke.»

Sie säßen beisammen, schaut auf die Landschaft. Japan ist schön, ja, und das Wetter spielt auch mit.

«So, also», sagt der Mann mit langem Bart irgendwann. «Eine Schere willst du.»

«Jawohl», bestätigt mein Friseur.

«Sollst du haben.»

Tage vergehen, er schmiedet die Schere aus weichem Stahl, das dauert, ist das Warten aber wert.

Mein Friseur sagt, dass er nicht nach Japan gereist ist, die Schere gab’s bei Amazon im Fachgeschäft hier in Deutschland. Ich sage, dass ich mir Japan als schönes Land vorstelle. Wir wechseln das Thema, es geht anschließend um Kochsendungen im Fernsehen. Davon habe ich aber keine Ahnung. Wir schweigen.

Musik zur Zeit

Wir reden über Dinosaurier und irgendwie komme ich auf den Song Dinosaurs Will Die von NOFX zu sprechen. Ein Song, der gar nicht von ausgestorbenen Reptilien handelt, sondern von der sterbenden Musikindustrie. Magda lehnt sich zurück, so dass ihr das warme Sonnenlicht ins Gesicht fällt. Sie nimmt die Sonnenbrille vom Tisch und setzt sie auf.

«Meine Punkrock-Phase ist längst vorbei», sagt sie. «NOFX habe ich mit 16 gehört.»

«Und jetzt gar nicht mehr?»

«Nein», sagt Magda. Sie hat für Musik noch nie Geld bezahlt. Sie lädt alles aus dem Internet runter oder kriegt neue Töne auf gebrannten CDs.

Anders als Magda höre ich Musik in Phasen, in Zyklen. Mal habe ich eine Weile Lust auf The Smiths und höre ausschließlich sie. Gefolgt von einer kurzen Metallica-Phase (die frühen Alben). Und dann einfach mal Ruhe vor einem neuen Zyklus. Bei Magda scheint die Musik mit Lebensphase gekoppelt: Wütender Punkrock als Soundtrack für eine wütende Jugend – aber dann nie wieder. Fürs Erwachsenwerden elektronische Indie-Musik. Und irgendwann Bach oder Mozart, für einen ruhigen Lebensabend. Ich bleibe lieber impulsiv, denn ich werde auch mit 70 noch wütend sein.

Vom schweren Sprechen

Dieses Mal hielt mich die Bedienung in einem Café für einen Niederländer. Sie selbst stamme ursprünglich aus Russland, berichtete sie unaufgefordert. Ich wurde ’85 in Hannover geboren und lebe seitdem dort. Dem Klischee nach müsste ich lupenreines Hochdeutsch sprechen, doch das ist offenbar nicht der Fall. Niemand lobte mich jemals wegen meines schönen Deutsches. Nein, immer wollen die Leute, denen ich begegne, irgendeinen (ausländischen) Akzent herausgehört haben. Und wie schön ich dennoch den Genitiv anwende, famos!

Es muss wohl das Alter sein, das meine Aussprache mehr und mehr verwässert. Bald wird man mich gar nicht mehr verstehen und ich werde nicht mehr kommunizieren können. Zumindest nicht in Deutschland. Werde also auswandern müssen, dorthin, wo man das, was aus meinem Mund kommt, verstehen kann. Und wenn es Holland ist.

Oder Italien: Als ich vor Jahren in Rom war, hielt mich eine Frau für einen Italiener. Sie redete fröhlich auf mich ein, ich nickte, gab dann aber zu, kein einziges Wort verstanden zu haben. Scusi. Enttäuscht wandte sich die Frau ab. In der Türkei stand ich mal in einem Teppichgeschäft, wollte nur schauen und keinen Teppich kaufen. Der Verkäufer eilte herbei und beriet mich auf Türkisch. Auch hier gab es nach meiner Beichte, nur Englisch und Deutsch zu können, ein enttäuschtes Gesicht.